miércoles, 3 de mayo de 2017

CHRONIKEN DER ARIADNE: “DAS LABYRINT”

Von Adriana Diosa

Es ist neun Uhr abends an einem ganz normalen Tag des Jahres 2005 im Viertel El Limonar des Verwaltungsbezirks San Antonio de Prado, der zur Stadt Medellín gehört, aber im Großraum südlich der Stadt liegt. Direkt nachdem man mit dem Bus die Gemeinde Itagüí durchquert hat, ist man wieder im Gemeindegebiet von Medellín – etwas, das uns immer seltsam vorgekommen ist.

Alle 100 bis 200 Meter liegen kleine Geschäfte, die gerade langsam ihre Türen schließen, damit sich die BewohnerInnen ins Innere des Lokals zurückziehen können, welches in der Nacht zum Ruheort wird. Die Kinder hören die Rufe der Mütter und laufen nach Hause. Die Lichter in den Häusern älterer Personen werden nach und nach abgedreht. Aus den Häusern der afrokolumbianischen Bevölkerung – in diesem Viertel leben viele von ihnen – ertönen “pazifische” Rythmen und erfüllen die Nachtluft mit einem klingenden Geschenk: 

 “Esta casa que yo hice / pasando tanto trabajo
Tiene piso’ e guayacán / y paredes de chachajo”
“Dieses Haus, das ich gebaut habe / im Schweiße meines Angesichts
Hat einen Boden aus Guayacán-Holz / und Wände aus Chachajo-Palmen“

In meinem Häuserblock herrscht eine Stille gleich einer Friedhofsruhe…man hört nur das nervöse Bellen von “La Negra”, einer Hündin wie aus dem Lied von Alberto Cortez:

 “Era callejera por derecho propio…y aunque fue de todos nunca tuvo dueño”
“Sie bewohnte die Straßen… und obwohl sie allen gehörte, hatte sie nie einen Besitzer”

Vor ein paar Wochen bekam “La Negra” drei kleine Hundebabys und suchte sich mein Haus als Zufluchtsort für die Geburt aus. Gerne standen wir ihr bei und kümmerten uns um sie und ihre drei Welpen. Meine Kinder, die 17-jährige Tochter und der achtjährige Bub, verwöhnten und umsorgten die Welpen. “La Negra” antwortete mit Gesten der Dankbarkeit; sie erwartete uns an der Bushaltestelle, begleitete uns in der Früh zum Bus, wedelte mit dem Schwanz, wenn sie uns kommen sah.

Drinnen im Haus herrschte eine seltsame Stimmung. Die Gemütszustände schwankten zwischen der gespannten Erwartung auf etwas Neues, welche im Gesicht des Buben ihren Ausdruck fand, der alles wie ein neues Abenteuer angeht und feiert; dem Ausdruck der Unsicherheit und Komplizenschaft auf dem Gesicht meiner jungen Tochter, die ihren Schmerz unterdrückt, um uns Kraft zu geben; dem Schmerz meines Lebensgefährten und Geliebten, der zusammen mit dem meinen die Ohnmacht angesichts eines zerstörten Lebensprojektes reflektiert, und dem Haus mit seinen völlig leeren Wänden, während sich das in Schachteln verpackte Gepäck im Raum stapelte. Dort lagerten in Kisten, Säcken und Jutebeuteln die wenigen Wertgegenstände, die wir in den 15 Jahren in diesem Viertel, aus dem wir nun fliehen mussten, angesammelt hatten.

“Jota”, ein enger Freund und Nachbar, klopft an unsere Tür, um uns zu sagen, dass der Lastwagen vor seinem Haus weiter unten steht, an dem Ort, den wir ausgesucht hatten, um nicht allzu auffällig zu sein und die Schaulustigen der Hauptstraße abzuwimmeln.

Der Lastwagen kam mit den Trägern und da wir so viele Erinnerungen und “angesammelte Güter” hatten, mussten wir alle mit anpacken, um so schnell wie möglich aus dieser Situation zu entkommen. Jedes Mal, wenn wir eine Kiste nahmen und zum Auto gingen, begleitete uns “La Negra” hin und retour, während der ganzen Zeit, die wir brauchten, um den Lastwagen zu beladen.

Die letzten, die gingen, waren – wie es in solchen Fällen üblich ist – Mutter und Vater. Die Kinder waren schon im Auto. Wir hängten Tücher an die Fenster, damit das Haus bewohnt aussehe und nicht überfallen werde. Wir drehten noch eine letzte Runde vom ersten Stock bis nach unten und blieben schließlich an der Tür stehen, durchquerten mit unseren Blicken den Raum, in dem wir Freud und Leid geteilt hatten, atmeten tief durch und nahmen schnell Besen, Wischmopp und den letzten Blumentopf. Wir gingen zum Wagen hinunter und verabschiedeten uns schüchtern von unseren Freund*innen und Nachbar*innen, “mit einem Knoten im Hals” und Tränen in den Augen. Umarmungen, stille Blicke, Händeschütteln, Stille, Tränen…ein seltsames Geräusch unterbrach die Ruhe der Nacht. Es war “La Negra”, deren Bellen anders klang, die nicht mehr wie eine Verrückte zwischen Haus und Wagen hin und her rannte, sondern langsam hinter uns über die Stufen und den Gehsteig hinunterlief und dabei so ein trauriges Winseln hervorstieß, dass unsere afrokolumbianischen Nachbar*innen die Musik ausschalteten und wir zu weinen begannen.

Als wir beim Wagen ankamen, begannen auch unsere Kinder hemmungslos zu weinen, wir stiegen schnell ein und baten loszufahren. Der Fahrer schaute unruhig zurück, zur Seite, nach vorne, denn das Winseln der Hündin begleitete uns eine ganze Weile. “La Negra” rannte hinter dem Wagen her und wir hielten unsere Tränen nicht mehr zurück. Sogar der Fahrer solidarisierte sich mit uns und begleitete still unseren gemeinsamen Schmerz über die vielen zurückgelassenen Erlebnisse.
 
Als der vollbeladene Laster langsam über die Hauptstraßen die Hügel hinab rollte, schaute ich meinen Partner, „El Juglar“[1], an, und mit feuchten Augen warfen wir uns einen jener Blicke zu, „die mehr sagen als tausend Worte“…
Das Gewicht des Wagens verhinderte größere Geschwindigkeiten und so kamen wir nur langsam voran. Währenddessen tauchten vor meinem inneren Auge nach und nach auch Bilder von Ereignissen auf, die uns aus diesem Stadtviertel flüchten ließen – ein Viertel, bestehend aus 2.600 Häusern von Familien aus den gefährlichsten Zonen der Stadt Medellín, welches die Stadtregierung 1990 als Pilotprojekt eröffnet hatte.

Eine Gruppe von Witwen, die Opfer des bewaffneten Konfliktes und Mitglieder der Stiftung „Alborada“ waren, hatten mit einigen von uns gemeinsam dieses Wohnprojekt gegründet. „Alborada“ wurde von Consuelo Arbeláez geleitet, Witwe des Abgeordneten Gabriel Jaime Santa María, der zu Zeiten des Genozids gegen die Mitglieder der Partei Unión Patriótica (UP)[2] in seinem Büro im Rathaus von Medellín ermordet worden war; unterstützt wurde unser Projekt von der Gesellschaft für sozialen Wohnbau CORVIDE, in deren Leitungsgremium viele Mitglieder der UP saßen, und eine Organisation für internationale Zusammenarbeit, welche den Kauf von 16 Häusern für uns wohnungslose Frauen ermöglichten. Ich war eine sehr junge Witwe und nahm mit großem Enthusiasmus an diesem Projekt teil.  

Ich werde den Tag nie vergessen, an dem sie uns einluden, das Wohnprojekt kennenzulernen. Wir stiegen in San Antonio de Prado im Viertel Aragón aus dem Bus, denn zu dieser Zeit gab es noch keine Busverbindung bis in unseren sich erst im Bau befindlichen Stadtteil.
Carmenza, eine der Compañeras, begann die “Abers” zu sehen: „Aber die Straßen sind noch nicht einmal gebaut!“, rief sie aus. Wir gingen circa zehn Häuserblöcke durch Sumpf und Erde hinauf. Carmenza fand weitere Gründe, um den Ort abzulehnen: „Es ist zu weit weg, es ist hässlich, es gibt keine Schulen, es gibt keine Busse, …“ Aber ich, junge Träumerin mit Utopien, war glücklich über die Aussicht, bald ein eigenes Haus für mich und meine Tochter zu haben.


            Als unser Umzugswagen in einer Zone, die als „La Y“ bekannt ist, direkt an einer Kirche vorbeifuhr, bekreuzigte sich der Fahrer automatisch und blieb einen Augenblick stehen, um einige Busse vorbeizulassen.

In diesem Moment erinnerte ich mich an den Tag, an dem Cristóbal, der persönliche Assistent von Padre Oscar Albeiro Ortiz Henao, Priester im Stadtteil El Limonar, zu uns kam und uns bat, in der direkt unter der Kirche gelegenen Schule Fe y Alegría ein Theaterstück aufzuführen. Es wären Aktivitäten geplant, um Geld für den Bau der Kirche zu sammeln. Wir überlegten lange, bevor wir unsere Teilnahme zusagten, da viele Gerüchte über die seltsamen Aktivitäten des Priesters im Viertel kursierten. Trotzdem sagten wir unsere Unterstützung für dieses Event zu, das von der damals einzigen Gruppe für Gemeinschaftsarbeit der Kirche organisiert wurde.

Der Tag der Aufführung kam. Die Gemeinde war seit der Früh vor Ort, da es einen Markt und viele andere Aktivitäten gab. Der künstlerische Teil war für drei Uhr nachmittags im Mehrzwecksaal der Schule angesetzt. Wir waren schon viel früher dort, um uns zu schminken und das Bühnenbild und die Theatervorstellung vorzubereiten.
Es war schon alles fertig, als uns mitgeteilt wurde, dass der Priester kommen werde, um uns zu begrüßen. Wir hatten ihn noch nie vorher aus der Nähe gesehen oder gehört. Er stieg auf die Bühne, die wir vorbereitet hatten, und sprach zur Gemeinde. Wir setzten uns in unseren Kostümen in die erste Reihe, denn hinter der Bühne war kein Platz. Einige Tage zuvor waren einige neue Familien aus anderen Stadtteilen Medellíns zugezogen. Mehr oder weniger mit den folgenden Worten, die uns in Staunen versetzten, denen andere Anwesende aber mit Wohlwollen und Akzeptanz folgten und als normal betrachteten, begrüßte der Pfarrer diese Familien:

„Ich heiße alle neu nach El Limonar gekommenen Personen willkommen, aber Sie müssen verstehen, dass wir hier eigene Regeln haben: wer sie zum ersten Mal übertritt, geht mit einer Verwarnung, beim zweiten Mal mit Peitschenhieben und beim dritten Mal im Sarg!“

Ich erinnere mich, dass diese Worte in unseren Ohren wie Drahtfedern nachhallten, die uns von diesem Ort fortbringen wollten. Vor uns stand ein relativ junger Mann von circa 36 Jahren, ohne Priestergewand, stark übergewichtig, mit einem gerissenen Blick und einer wenig himmlischen Stimme, die eine Verurteilung aussprach, ohne dass jemand etwas gesagt hätte. Wir bestiegen verschreckt und erstaunt die Bühne und hüteten uns vor Worten oder Gesten, die dem Willen des Paters widersprechen hätten können, denn sein Wille schien der aller im Raum zu sein.


            Die Busse fuhren an uns vorbei und der Umzugswagen fuhr mit einem starken Rucken wieder an, welches mich aus meinen Erinnerungen zurückholte. Erneut umschlang uns eine tiefe Stille, als wir langsam dieses Stadtviertel verließen, das „obwohl es allen gehörte, nie einen Besitzer hatte”.

Wir fuhren an der Schule vorbei, in der jene Theatervorstellung stattgefunden hatte, und erinnerten uns, dass dies auch der Ort gewesen war, an dem wir mit der Jugend-Theatergruppe des Viertels geprobt hatten, welche wir mit Unterstützung der Corporación Ecológica y Cultural Penca de Sábila gegründet hatten. Wir trafen uns dort an bestimmten Wochentagen zwischen 18.30 und 21.30 Uhr. An einem dieser Tage, während wir mit „El Juglar“, dem Lehrer der Gruppe, gerade eine Szene aus dem Theaterstück „Geschichten, die erzählt werden sollen“ (“Historias para ser contadas”) des Argentiniers Oswaldo Dragún probten, wurden wir von zwei Burschen unterbrochen, die auf einem Motorrad hupend ankamen und aufgeregt am Torgitter rüttelten. Als ich zum Tor ging, begrüßten sie mich wie eine alte Bekannte, ohne vom Motorrad abzusteigen, und sagten:
„Frau Lehrerin, gehen Sie schnell weg mit den Jugendlichen, denn sie kommen, um euch etwas anzutun, weil der Pater gesagt hat, sie seien Satansanbeter…jetzt kommen die Jungs aus dem Viertel um sie zu holen! Laufen Sie! Schnell! Ich weiß das, weil unter den Jungs welche sind, die mit mir aufgewachsen sind!“
Ich kam zitternd in den Saal zurück, ohne zu wissen, wie ich das erzählen sollte. Wir flüchteten aus dem Viertel so, wie wir waren, mit Arbeitskleidung, von der physischen Arbeit verschwitzten Körpern und mit den Texten des Stückes in den Händen. „El Juglar“ und ich trennten uns: er blieb bei unseren Kindern, während ich die Jugendlichen ins Stadtzentrum begleitete, wo wir uns mit “Magui” und Javier Márquez vom Verein Penca de Sábila trafen, um die Situation zu besprechen und Auswege zu überlegen. Die Erinnerungen überschlagen sich in meinem Kopf…


            Von der Schule ging es weiter abwärts, wir überquerten bei „Las Bifas“ einen der umkämpften Sektoren, eine der „sichtbaren Grenzen“ dieses Viertels, das von Menschen aus unterschiedlichen Teilen Medellíns bewohnt wird: La Iguaná, Villatina, Caicedo, Popular u.a., die darum gekämpft hatten, ein neues, besseres Viertel zu gründen, mit neuen kollektiven Herausforderungen, mit vielen Konflikten, aber sie waren auf einem guten Weg, bis neue Personen ankamen: Ehemalige Mitglieder des angeblich demobilisierten Bloque Cacique Nutibara der AUC[3], die sich in das Stadtteilleben einmischten und dort einen neuen Machtpol bildeten. Viele Bewohner*innen wurden vertrieben und ihre Häuser von weiteren neu Zugezogenen okkupiert, die sich mit Hilfe jener Jugendlichen aus dem Viertel, die sich an den Machenschaften beteiligten, in Orte des Drogenmissbrauchs und der Prostitution verwandelten.


            Als wir in die Hauptstraße einbogen, riss uns etwas aus unseren Erinnerungen, aus unserem Schweigen und unserem Schmerz. Der Fahrer war erneut stehengeblieben und parkte am Rand der Straße. Wir bemerkten, dass „La Negra“ immer noch hinter uns hergelaufen war, heulend wie ein Wolf. Die Tränen schossen wieder in Strömen in unsere Augen. Wir fuhren schnell weiter bis zu unserem neuen Haus, das wir dank der raschen und professionellen Hilfe des Notfallsfonds der Menschenrechtsgruppe CODEHSEL[4] erhalten hatten.

Wir erreichten das neue Haus in einer geschlossenen Wohnsiedlung desselben Bezirks, aber in einem von El Limonar weiter entfernt gelegenen Viertel, wo wir beschlossen hatten fürs Erste zu bleiben, bis wir einen definitiven und stabilen Ort gefunden hätten, um das Leben mit unserer Familie fortzusetzen. Als wir eintraten, fanden wir auf dem Boden zwischen weiteren Papieren – solche, die sich nach einem Umzug in verlassenen Gebäuden ansammeln, – ein Flugblatt, in dem die Aktivitäten der Karwoche des Bezirks angekündigt waren, welche schon etliche Monate zurücklag. Darauf waren Bilder aus El Limonar abgedruckt und eine Notiz, in der die Gemeinde aufgerufen wurde, Pater Oscar und seine Bemühungen zu unterstützen, um eine neue, „der Gemeinde würdige“, Kirche, zu bauen: mittels Kampagnen wie „Ein Ei für die Kirche“ oder „Ein Lehmziegelstein am Tag des Kreuzwegs“.

Und als ob mich meine eigenen Erinnerungen verfolgen und sich stur in meinem Hirn versammeln würden, drängte sich ein weiterer jener Tage der Auseinandersetzungen und gewaltvollen Dynamiken im Viertel in meine Gedanken:

            Etwas zerbrach die Stille der Nacht in unserem Häuserblock, der die “Straße der Witwen” genannt wurde, was wir jedoch in “Straße des Lebens” versuchten umzubenennen. Es war gegen zehn Uhr abends und niemand befand sich mehr auf der Straße. In den Häusern brachten wir wie üblich gerade die Kinder zu Bett und richteten die Sachen für die Schule oder die Arbeit am nächsten Tag.
Plötzlich zerschnitt eine Gewehrsalve die Nacht. Es waren viele gleichzeitige Schüsse, die in unserer Straße widerhallten, wo die Häuser nur durch Stufen und einen schmalen Gehsteig voneinander getrennt waren, wie es in den Wohnanlagen üblich war.
In meinem Haus brachen Angst und Schrecken aus. Obwohl wir schon an anderen Orten dieser “Stadt des ewigen Frühlings”[5] solche Situationen erlebt hatten, hatten unsere Körper – vielleicht, um sich zu heilen, – das Entsetzen vergessen, das solche Momente hervorruft. Mein Partner und ich, zitternd wie Roboter, schalteten schnell das Licht aus. Im Dunkeln packten wir die Kinder und verbarrikadierten uns unter den Stiegen hinter den Matratzen. Die Schüsse waren immer noch zu hören. Plötzlich ertönte eine explosionsartige Stimme und schrie:
„Ihr verdammten Klatschmäuler habt bis morgen Zeit, aus dem Viertel abzuhauen, ihr Hurensöhne!“
Wie um die Warnung zu vollenden, ertönten weitere Schüsse, die sich anhörten, als würden sie an unserer Wand abprallen. Wir hielten unserem Sohn den Mund zu, damit sein Schluchzen nicht draußen zu hören sei, und umarmten unsere Tochter, um ihre Furcht zu mildern.
Die Stimmen und Schüsse verhallten, aber wir warteten noch eine Weile still ab, ob sie nicht wieder beginnen würden. Dann legten wir uns angezogen nieder, um das Licht nicht einschalten zu müssen, aber wir konnten nicht schlafen. Angespannt warteten wir auf den neuen Tag.

Als es zu dämmern begann, stand ich auf und rief meine Nachbarin Estela an. Ich sagte, ich käme nun gleich hinüber, so als hätten wir das zuvor vereinbart gehabt, und sie sagte, sie würde Nora und die anderen Frauen anrufen. Es war nun gegen sechs Uhr morgens und schon vollständig hell. Ich öffnete vorsichtig die Tür und rief laut in Richtung Estelas Balkon, mich meiner Schauspielkunst bedienend:
„Konnten die Mädchen die Hausaufgaben machen? Ich komme rüber und helfe ihnen, wir haben sie schon fertig!“
Schnell öffnete sie mir die Tür und so kamen eine nach der anderen alle Frauen der Straße des Lebens bzw. der Witwen. Es war eine angespannte Versammlung, in der versucht wurde herauszufinden, ob es allen gut ging und zu verstehen, was geschehen war. Wilson, der Ehemann einer der Frauen und wohnhaft in dem Haus, in dem wir uns versammelt hatten, sagte: „Was mich beunruhigt ist, dass sie „chismosos[6] gesagt haben – warum, wenn das doch eine Straße der Frauen ist?“ Eine der Anwesenden schlug vor, zum Pfarrer zu gehen. „Er hat ein gutes Verhältnis zu den „Jungs“ des Viertels, bitten wir ihn doch herauszufinden, ob sich das gegen eine von uns oder gegen alle richtet oder was los ist.“ Die Männer, die in der Straße lebten – ein Witwer und die neuen Partner der Frauen – ließen wir draußen, wie um sie zu beschützen. Eine der Frauen und ich gingen ins Pfarrhaus. Wir schilderten ihm unsere Ängste und die Vorfälle der vorherigen Nacht. Wir baten ihn, an einer Versammlung in unserer Straße teilzunehmen und uns zu helfen, die Dinge aufzuklären. Er sagte, er würde Nachforschungen anstellen und dann zu uns kommen.

Kurze Zeit später erschien der Pfarrer an der Straßenecke, in Begleitung von einem der „Jungs“ des Viertels. Eine der Frauen ging hinunter und geleitete ihn zum Haus in den ersten Stock, wo die anderen versammelt waren. Später erzählte sie uns, dass der Priester gerade über das Mobiltelefon sprach, als sie hinunterkam. Er legte sogleich auf und sagte: „Ich konnte nicht mit dem Kommandanten in Urabá[7] sprechen.“
Aufgrund seiner Fettleibigkeit langsam gehend erreichte er die Stufen und stieg zum Versammlungsort hoch. In der Hand hielt er sein Mobiltelefon und unter dem Arm ein Täschchen, das er immer bei sich trug und das aussah wie eine Bibeltasche. Er trat ein, grüßte und setzte sich. Ohne Einleitung kam er gleich zur Sache:
„Wie ich erfahren habe, ist alles die Schuld von ‚Papero‘“ – so nannten wir den einzigen Witwer in der Stiftung und der Straße – „er öffnete sein Maul zu weit und steckte seine Nase in Dinge, die ihn nichts angehen. Einer der Jungs wollte ein Haus in dieser Straße mieten und er sagte zur Vermieterin, sie solle das nicht machen, damit die Straße nicht kaputtgemacht werde. Sie bekam Angst und wollte nicht mehr vermieten. Das war alles, es ist nicht gegen euch, es war nur gegen ihn und ich habe gehört, dass er das Viertel schon verlassen hat.“
Wir schauten uns an und sagten nichts. Der Pfarrer stand auf und ging, dabei hob er die Hand, genauso wie der Papst es auf dem Petersplatz im Vatikan tut, und grüßte die Menschen, die nun langsam zur Arbeit gingen.

Als er um die Ecke gebogen war und wir ihn nicht mehr sahen, gingen wir zum Haus unseres Kollegen, das schräg gegenüber von meinem lag. Es war verlassen, die Fenster eingeschlagen und die Wände voller Einschusslöcher vom Vorabend…

Uns störten viele Dinge in diesem Viertel, aber wir harrten aus, weil es uns allzu einfach erschienen wäre es zu verlassen. Wir sahen uns als soziale Führungskräfte, Künstler*innen, Menschrechtsaktivist*innen und wurden von vielen Leuten unterstützt, aber was war mit den anderen Menschen dort?

Bis eines Tages im Februar 2005, nachdem wir zuvor zu Hause schon mehrere seltsame Anrufe bekommen hatten, mein Mobiltelefon klingelte, mitten in einer Besprechung von Menschenrechtsaktivist*innen mit der internationalen Organisation Peace Brigades. Auf der anderen Seite der Leitung ertönte eine jener gemeinen Stimmen, die Übung darin haben, andere einzuschüchtern: „Was ist los, du Miststück? Wirst du weiterhin nerven oder was? Du hast wohl vergessen, dass du Mann und Kinder hast. Du oder einer von ihnen wird sterben, ihr Hurensöhne!“


Jetzt, viele Jahre später, bevor ich diese Chronik zu Ende schreibe, schaue ich im Internet nach, was die wichtigsten Meldungen der letzten Jahre aus dem Viertel waren, und finde Schlagzeilen wie: “Óscar Albeiro Ortiz, Priester von El Limonar, festgenommen”; “Priester, der beschuldigt wird, kriminelle Banden in Medellín anzuführen, wurde festgenommen”; “Das INPEC (Institut für Strafwesen in Kolumbien) wird über den Ort der Haft von Priester Óscar Albeiro Ortiz Henao entscheiden”; “Priester, der kriminelle Organisation in Antioquia anführte, wurde verurteilt”; “Pfarrer, der das Töten befehlen konnte, verurteilt wegen Anstiftung zu Straftaten und Unterstützung paramilitärischer Gruppen”; “Der Priester Oscar Ortiz ist Justizflüchtling”….
Heute sitzt er, zu 19 Jahren Haft verurteilt, in einem der Gefängnisse des Landes.


Übersetzung: Alicia Allgäuer
Ein Dank für Anregungen zur Übersetzung ergeht an Elisabeth Allgäuer-Hackl.
“Wir Künstler*innen sind unsichtbare Opfer des Konfliktes”

Adriana Diosa ist Soziologin, Schauspielerin, seit mehr als 20 Jahren Menschenrechtsaktivistin, Mitglied des Menschenrechtsnetzwerkes COOEUROPA (“Coordinación Colombia-Europa-Estados Unidos”) und der Theatergruppe “Arlequín y los Juglares”, die über Kunst, Theater, Tanz und Musik zu Menschenrechtsthemen mit Jugendlichen, Frauen, Männern, indigenen, afrokolumbianischen und mestizischen Gruppen arbeiten (http://arlequinylosjuglares.blogspot.com.es/).
Im folgenden Interview spricht sie über den Kontext, in dem sich die in der Chronik erzählte Geschichte zutrug, über die Auswirkungen des Paramilitarismus auf das Leben in den Stadtvierteln und über den Friedensprozess in Kolumbien.


Adriana Diosa in Antioquia, Jänner 2017


Kannst du zunächst ein wenig über den politischen Kontext dieser Zeit erzählen, um die Ereignisse in der Chronik in einem größeren Zusammenhang zu sehen?

Zuerst möchte ich gerne erzählen, in welchem Kontext dieses Stadtviertel entstand. “El Limonar” war ein Pilotprojekt der Regierung, in dem viele Sozialwohnungen gebaut wurden, um Personen, die aus gefährdeten Stadtteilen, z.B. aufgrund von Erdrutschen, abwandern mussten, anzusiedeln. Das geschah in einer Zeit, in der sich die kriminellen Banden konsolidierten, die keine politischen Ziele verfolgten. In den Jahren davor waren viele Gruppen in den Vierteln aktiv, die auch außerhalb der Gesetze agierten und von der Guerrilla und linken Organisationen beeinflusst waren. Aber in dieser Zeit befanden sich Gruppen, die mit dem Drogenhandel und paramilitärischen Vereinigungen assoziiert waren, im Aufwind. Es begann die Epoche der unsichtbaren Grenzen, das heißt: “In diesem Viertel habe ich das Sagen, in jenem du.” Wenn jemand die Grenze überschritt, konnte er dafür mit seinem Leben bezahlen, es gab ständige Bandenkriege. Es gab viele unterschiedliche bewaffnete Gruppen auf kleinstem Raum in den Stadtvierteln.
Zu dieser Zeit also begann der Staat dieses Viertel zu bauen und Menschen aus anderen gefährdeten Regionen anzusiedeln. Dadurch wurden allerdings mehrere Probleme vermengt, weil zum Beispiel Leute aus dem Viertel La Iguaná, aus Villatina, etc. kamen, und jeder Stadtteil hatte seine eigenen Probleme, seine eigene bewaffnete Gruppe und die feindlichen Gruppen trafen plötzlich aufeinander. Diese Situation war sehr komplex, um diese neue Gemeinschaft aufzubauen, es gab jeden Tag Tote, fünf, sechs Schießereien an der Straßenecke, das machte große Angst. Ich dachte, dass ich nicht fähig sein würde, dort zu leben.
Wir waren eine Gruppe von Witwen, die ihre Männer aufgrund der politischen Gewalt in Kolumbien verloren hatten; unsere Vereinigung hieß “La Alborada”. Ich war dort wegen des gewaltsamen Verschwindens und der späteren Ermordung des Vaters meiner Tochter. Es gab Frauen aus sehr wohlhabenden Familien, Frauen von Anführern der Unión Patriótica, Marxistisch-Leninistischen Partei, der Kommunistischen Partei, alles mögliche, aber alle von der Linken, keine Witwen vom Militär. Wir machten eine sozioökonomische Diagnose aller Mitglieder der Vereinigung und wir waren schließlich nur 18 Frauen, die kein Haus hatten. Also beschlossen wir, Finanzierung dafür zu suchen.

Und der Staat stellte dieses Grundstück zur Verfügung?

Ja, mit staatlicher und internationaler Unterstützung konnten wir diese 18 Häuser bauen, fast alle im selben Häuserblock. Das war 1991. Dort halfen wir immer zusammen, passten gegenseitig auf die Kinder auf, es gab viel Solidarität. Wir waren die einzigen, die nicht aufgrund der vorher genannten Gründe in dieses Viertel kamen. Es war sehr hart für uns, so viele Menschen auf den Straßen sterben zu sehen.
Später kamen auch Milizen – bewaffnete linke Gruppen oder Guerrillagruppen – ins Viertel und begannen, Versammlungen mit den BewohnerInnen zu machen, Einfluss auf die Gemeinschaft zu nehmen. Aber wir stellten uns auch gegen deren Präsenz, wir versuchten, respektvoll mit allen bewaffneten Akteuren in Dialog zu treten,  wir machten kulturelle Aktivitäten, Aktivitäten mit den Kindern, mit den Frauen, Diskussionsrunden, eine Bibliothek, wir motivierten die Menschen, dass sie sich organisieren und die bewaffneten Akteure bitten sollten,  die Prozesse in der Gemeinschaft zu respektieren, damit wir trotz all der Probleme ein Stadtviertel aufbauen konnten. Die linken Milizen akzeptierten unsere Bitte und verließen das Viertel, während mehrerer Jahre entstand allmählich ein Leben in Gemeinschaft. Bis die Paramilitärs kamen - so etwas hatte ich noch nie davor erlebt. Es kamen immer mehr fremde Personen ins Viertel, alleinstehende Männer, die Häuser anmieteten. Wir fanden heraus, dass es Mitglieder der paramilitärischen Gruppe “Los Urabeños” waren, die sich dort einmischen wollten.

Von welchem Zeitraum sprechen wir hier ungefähr?

Wir sprechen von den Jahren 1998 bis 2000. Da begannen die Drohungen gegenüber Personen, dass sie das Viertel verlassen sollten, Schießereien, Morde, die “Vacunas” - “Impfungen”, also von Haus zu Haus gehen und Geld verlangen, um die kriminelle Organisation zu finanzieren. Allmählich fanden wir bei allen heraus, wer sie waren. Sie warben auch die Jugendlichen an, der Chef der “Urabeños” war der Freund einer jungen Frau aus dem Viertel, sie lebten zusammen, das heißt, sie mischten sich richtig in das Leben der Gemeinschaft ein. So entstanden viele Probleme, sie begannen, Leute aus dem Viertel zu vertreiben, ihre Häuser zu besetzen.

War das willkürlich? Es konnte also jede/n treffen?

Jeden und jede, ja. Unsere Frauengruppe ließen sie relativ in Ruhe, denn einmal kamen sie im Dezember, um Geld für eine Weihnachtsaktion zu verlangen, und wir sagten ihnen, dass wir ihnen kein Geld geben würden, weil wir unsere eigene Struktur im Block hätten und schon eigene Aktivitäten mit unseren Kindern geplant hätten. Das war das erste Mal, dass wir Nein zu den Paramilitärs sagten, als sie zum “Impfen” kamen. Das meiste Geld, das in Medellín zirkuliert, hat mit dieser “Vacuna” zu tun, vor allem in den ärmeren Vierteln, dort hatten sie mit dieser Praxis des Geldeintreibens von Haus zu Haus begonnen.
In dieser Zeit kam der neue Priester ins Viertel, Oscar Ortiz; das war, als wäre der Friedensstifter gekommen. Er schloss Vereinbarungen mit den Paramilitärs für das Zusammenleben im Viertel ab, was einen gewissen düsteren Frieden schuf, die Leute waren angespannt. Der Priester begann mit Praktiken wie die “Pela”, was ich in der Chronik erwähne: er schlug die Frauen, die spät und betrunken nach Hause kamen, weil sie in Bars und Nachtclubs arbeiteten, er schlug Jugendliche, die Marihuana rauchten, er machte sehr verrückte Sachen, über die die Menschen anfangs lachten. Dann begannen die Reden von der Kanzel herab, er beschuldigte Personen von der Guerrilla zu sein, die später verschwanden, weil die Paramilitärs diese Familien dann vertrieben, oder er bezeichnete Leute als Satansanbeter, dann wurden diese bedroht. Das Viertel wurde von der Kanzel aus gesteuert, der Pfarrer war das Sprachrohr all dieser Vorkommnisse und es kam keine Ruhe in die Gemeinde. Viele Menschen unterstützten ihn oder kritisierten ihn zumindest nicht, weil sie aufgrund ihres religiösen Verständnisses glaubten, er sei ein Gesandter Gottes. Die Menschen waren wie eingeschlafen, wir hielten das alles nicht mehr aus, und da begannen auch die Drohungen gegen uns.

Sie haben ja auch euch, eine Gruppe von KünstlerInnen, als “Satansanbeter” bezeichnet…

Ja, das ist etwas, über das ich gerne noch mehr reflektieren würde: die Kunst und wie Künstler*innen unsichtbare Opfer des bewaffneten Konfliktes wurden. Im Viertel wurden alle bedroht, Personen, die Drogen konsumierten, Mitglieder der Unión Patriótica, kommunale Führungspersonen, die von keiner politischen Gruppe waren, und in unserem Fall bedrohten sie eine weitere gesellschaftliche Organisationsform, die Kunst. Es war die Theaterarbeit mit Jugendlichen aus dem Viertel, wegen der wir bedroht wurden. Die Rolle der Kunst inmitten des bewaffneten Konflikts und wie wir Künstler*innen auch Opfer wurden, wurde noch nicht ausreichend beleuchtet.

Schlussendlich habt ihr lange Zeit unter diesen Umständen im Viertel durchgehalten…

Ja, es waren mehrere Jahre, wir versuchten auch, Widerstand zu zeigen, aber wir sahen so viele Leute aus dem Viertel weggehen, die interessantesten Personen gingen weg und als sie uns bedrohten, verließen auch wir es.

Kontrollieren diese Gruppen wirklich nur bestimmte Stadtteile? Also, durch das Verlassen des Viertels wart ihr halbwegs in Sicherheit?

Zu dieser Zeit spalteten sich die paramilitärischen Gruppen in Kolumbien in “Los Urabeños” und “La Oficina de Envigado”, beides paramilitärische Gruppen, die vom Drogenhandel kontrolliert werden. Sie kontrollierten die ganze Stadt, nicht nur ein Viertel. Was man in so einer Situation macht, ist, einen Ortswechsel und eine Veränderung der Routine. Als wir das Viertel und dann auch für einige Zeit das Land verließen, beruhigten sich die Dinge ein wenig. Die, die dort lebten, hatten unsere Spur verloren. Sie haben eine größere Struktur, aber jeder kontrolliert einen kleinen Teil. Außerdem haben wir auch unsere Schutzmechanismen: es wurden nationale und internationale Kommuniqués verfasst und das beschützt einen auch in gewisser Weise.
Wir verließen also das Viertel, aber sie blieben dort und setzten ihre kriminellen Aktivitäten fort. In dieser Zeit kam eine kritische Gruppe von Personen in die Stadtregierung, welche die Ereignisse in “El Limonar” untersuchten und aufdeckten, sie nahmen mehrere Personen fest, viele starben in Auseinandersetzungen... Glücklicherweise führten alle Untersuchungen zur zentralen Rolle des Pfarrers. Er wurde in erster Instanz verhaftet, flüchtete dann, wurde aber wieder gefasst, und durch diesen Fluchtversuch fiel die Strafe härter aus. Vor 15 Tagen wurde das Urteil bestätigt.

Ist das ein einzigartiger Fall oder gibt es mehrere Beispiele für die Zusammenarbeit zwischen Kirche und Paramilitarismus?

Dass jemand so weit gegangen wäre, nein. Aber es gab sehr wohl Fälle von Personen aus der Kirche, die am bewaffneten Konflikt beteiligt waren, nicht als Verhandler, sondern als Akteure, auch in anderen paramilitärischen Gruppen wie bei “Los Doce Apóstoles”. Es gab andere Fälle, ja, aber keiner konnte so gut aufgeklärt werden wie der Fall des Pfarrers von El Limonar.


Wie ist die Situation in “El Limonar” heute?

Während vieler Jahre war es sehr ruhig, weil viele dieser Personen im Gefängnis waren. Aber es ist eine angespannte Ruhe, denn die Verurteilten kommen nach und nach wieder frei. Sie waren über das spezielle Gesetz “Ley de Justicia y Paz” verurteilt worden, welches die Paramilitärs mit Uribe ausverhandelt hatten und das sehr niedrige Strafen vorsah, nur acht Jahre Gefängnis. Die Situation ist wieder sehr angespannt.

Wie seht ihr Menschenrechtsaktivist*innen hier in Medellín den Friedensprozess mit den FARC-EP?

Hier in Medellín setzen alle Menschenrechtsorganisationen auf diesen Prozess. Wir glauben nicht, dass damit der Frieden in Kolumbien einzieht, aber wir glauben, dass es ein extrem wichtiger Weg ist, um ein ruhigeres Leben in unserem Land aufzubauen. Eine Guerrilla weniger in Kolumbien bedeutet ca. 200.000 bewaffnete Personen weniger, und es bringt mehr, eine Guerrilla zu haben, die Politik ohne Waffen macht, die Diskussionsräume in den Gemeinden und politischen Instanzen eröffnet, als dass sie sich in den Bergen beschießen.
Außerdem wurden wir Menschenrechtsaktivist*innen immer beschuldigt, von der Guerrilla zu sein oder diese zu unterstützen, wenn es also keine FARC mehr gibt, kein ELN, dann können sie uns nicht mehr dessen beschuldigen.
Wir wissen, dass es nicht einfach ist und große Risiken gibt, wie die erneute Bewaffnung der paramilitärischen Gruppen. In diesem Moment ist das Land sehr polarisiert, aber wir glauben, dass es eine große Chance ist, damit sich die Kräfte, die den Frieden verteidigen, aktivieren. Die Landarbeiter*innen und Kleinbauern sind sehr gut organisiert, die Frauengruppen stärken sich, die Gemeinden, … Ich glaube, diese Krise bringt auch sehr viel Interessantes hervor, die sozialen Bewegungen werden durch die Verteidigung des Friedensabkommens gestärkt.



Dieses Interview wurde im Mai 2016 von Alicia Allgäuer in Medellín geführt. Am 2. Oktober 2016 fand die Volksabstimmung über das Friedensabkommen statt, das mit einem sehr knappen Nein ausging. Am 13. Dezember 2016 stimmte das Verfassungsgericht dem sogenannten “fast track” zu -  ein Verfassungsgesetz, das dem Kongress die Möglichkeit gibt, rascher Gesetze und Verfassungsreformen zu beschließen, die für das Friedensabkommen nötig sind. Zuvor wurde neu über das Abkommen verhandelt und es wurde geringfügig verändert, die wesentlichen Punkte des Abkommens blieben jedoch erhalten.


Notiz: Diese Chronik wurde in der spanischen Originalfassung veröffentlicht in: Relatos de Guerra y Paz. Zweiter wettbewerb Crónicas de la Periferia. Medellín, November 2015




[1]           Juglar heißt Barde, Sänger. [Anm. d. Übers.]
[2]           Im Zuge von Friedensverhandlungen mit der Guerrillagruppe FARC 1984 gegründete sozialistische Partei in Kolumbien. Ihre Mitglieder wurden von paramilitärischen Gruppen systematisch verfolgt, ermordet oder ins Exil getrieben, was ihre weitere Beteiligung am politischen Prozess verhinderte. 2002 wurde die Partei verboten und erst 2013 wieder zu Wahlen zugelassen. Schätzungen zufolge wurden in den letzten 20 Jahren ca. 6500 Parteimitglieder und Unterstützer*innen ermordet (http://unionpatrioticacolombia.com/node/484). [Anm. d. Übers.]
[3]           AUC – “Autodefensas Unidas de Colombia” (“Vereinigte Selbstverteidigungskräfte Kolumbiens”), paramilitärische Dachorganisation, die 1997 als eine Art Dachverband der extremen rechten Paramilitärs gegründet wurde. Der Ex-Präsident Álvaro Uribe begann 2003 mit Verhandlungen zur Demobilisierung der Paramilitärs. Mit einem Sondergesetz („Ley de Justicia y Paz“) wurde denjenigen, die ihre Waffen abgaben, Straffreiheit zugesichert. Die Abgabe der Waffen wurde allerdings ungenügend überwacht, es wurden v.a. alte Waffen abgegeben und viele paramilitärische Strukturen existieren bis heute unter anderen Namen weiter. [Anm. d. Übers.]
[4]           CODEHSEL: Colectivo de Derechos Humanos Semillas de Libertad – Menschrechtskollektiv “Samen der Freiheit”, ein Dachverband von Menschenrechtsorganisationen in Medellín). [Anm. d. Übers.]
[5]           Medellín wird aufgrund des milden Klimas auch die Stadt des ewigen Frühlings genannt. [Anm. d. Übers.]
[6]           Klatschmaul, von den Anrufern in der männlichen Form verwendet. [Anm. d. Übers.]
[7]             Er bezieht sich auf die paramilitärische Gruppe der AUC “Los Urabeños”. [Anm. d. Übers.]

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